Wie ich verlernte, glücklich zu sein.

Veröffentlicht auf von Tom

 

Für ihn war immer Frühling.

Alles war, bunt, die Vögel sangen. Manchmal, wenn er mitten in der lärmenden Großstadt ein Zwitschern hörte, konnte er nicht weitergehen, ohne zu lauschen. Einen Vogel zu hören, zu suchen und dann auch zu sehen war für ihn das größte Glück.

Auch im tiefsten Winter hörte er immer ein Piepsen. Er war ein regelrechter Experte darin, fröhlich singende Vögel immer und überall aufzutreiben. In Bahnhöfen, auf Wolkenkratzern, in Schulen, Bürogebäuden, Tunneln. Ja sogar in der Kanalisation und auch unter Wasser. Es gab immer etwas, worüber er sich freute, denn er hatte einen einfachen Trick gefunden, der für ihn funktioniere. Wenn er jemanden sah, der offensichtlich keinen Vogel hören konnte, versuchte er ihm klar zu machen, wo immer einer sitzt. Doch die meisten Menschen verstanden nicht, was er meinte. Dabei war sein Trick wirklich simpel:

Fand er gerade keinen Vogel freute er sich einfach auf den nächsten, den er finden würde. Denn das er wieder welche finden würde war ihm klar. Eine unangefochtene Wahrheit, die für ihn immer an Gültigkeit behielt.

So ging er durchs Leben, mit sich selbst im Reinen und immer lächelnd.

 

Nun kam ein garstiger Magier seines Weges. Obwohl er sich wie immer bemühte, stets freundlich, höflich und zuvorkommend zu sein, konnte er den Magier mit seiner Freundlichkeit nicht einnehmen.

Nein, der Magier war garstig. Er fühlte sich von so viel Glück belästigt und sprach einen Fluch. Er konnte nicht verstehen, was der Magier gesagt hatte, denn dieser sprach eine fremde Sprache aus einem fernen Land. Doch der gesagte Zauberspruch fühlte sich nicht böse an. Ihm war, als spüre er eine ungemeine Heiterkeit, noch mehr, als ihm immer schon zu eigen war. Und diese Heiterkeit wuchs immer weiter, wurde immer größer, immer mächtiger.

Er fand die Vögel nun überall, und immer viele. Immer mehr, immer größere Vögel, die immer lauter sangen und dabei immer vergnügter wurden flogen ihm entgegen.

Mit so vielen tollen, wunderschönen Vögeln war er überfordert. Er genoss zwar ihre Nähe, spürte aber, dass die anderen davon abgeschreckt waren. Wenn er von den Vögeln erzählte, war jeder verwirrt. So taten sie ihn als Wahnsinnig ab. Sie konnten nicht glauben, dass jemand so glücklich sein konnte. Er litt darunter und wusste, dass nur der Magier ihm helfen konnte. Doch er wusste nicht, wie er den Magier finden sollte.

 

Dann hatte er eine Eingebung: Der Magier hatte ihm die Vögel geschickt. Also mussten sie wissen, wo der zu finden war. So stieg er auf den größten aller Vögel und ließ sich tragen.

Auch während des Fluges kamen immer mehr immer größere Vögel von allen Seiten auf ihn zu. Er stieg immer auf den Rücken des größten, weil er wusste, dass es richtig war.

Er flog elf Tage und einen.

Schließlich fand er den Magier. Er erschien ihm nicht mehr garstig. Der Garst war nur seine Wache, die ihn begleitete, wenn er auf Reisen ging. Die Wache selbst war ein Schelm und so spielte sie ihre Streiche wie auch diesen Fluch. Doch da der Magier durch und durch gut war, war auch seine Wache ein guter Schelm.

Er blieb lange beim Magier. Nach einer sehr, sehr langen Zeit löste der Magier den Zauberbann. Der Magier schickte ihn nach Hause, wo er weiterhin nach Vögeln suchte. Er suchte und suchte, doch er fand nur noch selten welche.

Eines schönen Frühlingsmorgens wachte er auf. Er hörte, wie ein kleines Mädchen lauf rief: „Hör mal, überall Vögel!“

 

Doch er selbst sah sie nicht.

Werbung

Veröffentlicht in Berichte

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post
M
<br /> Was für eine traurige Geschichte.<br />
Antworten
T
<br /> <br /> Teile der Geschichte spielen in der Zukunft.<br /> <br /> <br /> <br />